#WHYIHIKE: Ein Brief meines Bruders.

Es gibt viele Gründe zu Reisen und zu Wandern. Unter dem Tag #WHYIHIKE möchte ich euch einige davon erzählen. Wie könnte ich da besser beginnen, als mit einem wundervollen Brief von meinem Bruder. Als ich 11 Jahre alt war, zog er aus und begann sein Studium. Seitdem war er für mich immer der große Bruder, der ewige Student, der Weltenbummler.

Heute ist er das für mich immer noch, auch wenn er schon längst nicht mehr studiert. Von seinen Reisen erzählt er mir immer noch und ich höre begeistert zu, hoffe, das wir irgendwann gemeinsam ein Stück der Welt erkunden. Ich habe ihm ein paar Fragen gestellt. Zu seinen Reisen, der Motivation und Bedeutung dahinter und zur Ausrüstung und seinen Must-Haves. Wie gewohnt bekam ich eine ganz besondere Art von Antwort in Form dieses Briefes:

Liebes Schwesterherz,

dafür, dass ich nun schon seit fast 20 Jahren reise, habe ich eigentlich noch nicht so viele Länder und Kontinente besucht. Mit Geburtsjahr 79 bin ich ja offiziell ein “Gen Xer” und habe somit dem bodenständigen Leben immer den Vorrang gegeben. Im Gegensatz dazu seid Ihr “Millenials” ja geradezu die Inkarnation des Reisefiebers, Fernwehs und der YOLO-Philosophie. Soweit die verklärenden Vorurteile. Entschuldige, dass ich erst so spät auf Deine Fragen antworte – ein Hinweis auf meine eigene etwas verpeilte Chaotie, wenn es um die schönen Dinge des Lebens geht. Denn ich habe mich eigentlich sehr über Deine Frage gefreut, schließlich reden wir viel zu selten miteinander – und da ist auch so ein langer Austausch willkommen. Und Deine Fragen eröffnen mir auch mal die Möglichkeiten etwas anderes zu schreiben als tiefernste, präzise wissenschaftliche Texte. Also jetzt zu Deinen Fragen:

1. Wo bist du schon überall hingereist? – verändere ich mal in: seit wann und warum reist Du? (inklusive Essentialdiskussion)

Ich habe das Reisen schon immer sehr gemocht. Unterwegs sein, jeder Schritt einer ins Unbekannte, jeder Blick ein neuer Eindruck, jeder Tag manchmal bis zur Unerträglichkeit mit beidem gefüllt. Dazwischen die Einsamkeit des Alleinreisenden oder die sich subtil ankündigende “Verzweiflung” vor scheinbar unüberschaubaren Herausforderungen – welche sich dann meist doch Schritt für Schritt, Blick für Blick in handhabbare Herausforderungsportionen unterteilen lassen, welche mit etwas Geduld und hilfreichen Fremden dann in freundlichem Einverständnis konsumiert werden. Wahrscheinlich wurde mein Reiseappetit schon früh durch intensive Lektüre verschiedenster Abenteuer und ein Verschlingen jeglicher TV-Produkte und Computerspiele, die im weitesten Sinne etwas mit Abenteuern zu tun hatten (ich war wirklich nicht wählerisch, aber sehr verträumt und stimulanzhungrig) geweckt.

Aber im eigentlichen Sinne begann alles mit einer Interrailreise durch Frankreich und Spanien nach Portugal und Marokko. Damit habe ich mir mit Anfang 20 einen großen Traum erfüllt und bin in ein für mich riesiges Abenteuer eingetreten. Ich erinnere mich noch, wie ich morgens im vollen und stickigen 6er Abteil eines tattrigen Fernzuges aufwachte und langsam einen verzauberten knorrigen Olivenbaumwald im Nebel am Fenster vorbeigleiten sah – Portugal begrüßte mich auf märchenhafte Weise. Ein Moment, welcher ikonisch für so viel Staunen und Genießen auf all meinen Reisen stehen sollte. Ich erinnere mich an abenteuerliche Bekanntschaften mit anderen Reisenden. Schweizer Schwarzfahrer, die ich später in Südportugal wiedertraf und mit denen ich eine Nacht am Strand auf fischigen Styroporplatten verbrachte. Dort traf ich ein amerikanisches Abenteuerpärchen, welches ich später in Marakesh wiedertreffen sollte. Und einen angehenden Schauspieler aus Berlin, mit welchem ich den Weg zum südwestlichsten Punkt Europas bestritt und welchen ich unwahrscheinlicherweise in meinem Freundeskreis, daheim in Osnabrück, wiedertreffen sollte. An eine kleine Verliebtheit auf meiner Reise von Portugal an die spanische Südküste zur Fähre nach Tanger, Marokko – ein weiterer beeindruckender Kontakt und eine zärtliche Erinnerung, die mir lange erhalten bleiben sollten.

Ich erinnere mich an die beeindruckende Exotik orientalischer Nächte auf dem Djemaa el Fna in Marakesh mit Schlangenbeschwörern und tanzenden Transvestiten im gelben Licht der Glühlampen deftig-duftender Imbissstände.

Ich erinnere mich an die beeindruckende Exotik orientalischer Nächte auf dem Djemaa el Fna in Marakesh mit Schlangenbeschwörern und tanzenden Transvestiten im gelben Licht der Glühlampen deftig-duftender Imbissstände. Dort in Marokko wurde ich 3 Mal reingelegt – und obwohl es damals wirklich frustrierend und für mich teuer war – sind nun “nur” noch verklärte Erinnerungen daran geblieben. Zudem wurden wir, zusammen mit meiner später hinzustoßenden Reisebegleiterin, in ein Familien- und Justizdrama involviert, welches uns für den Rest unserer Reise in Marakesh hielt, während wir mit der Familie eines vermeintlichen Diebes durch Schreibmaschinenstuben irrten, um dem Gericht die Unschuld des minderjährigen Portemonaie-Diebes offiziell zu beteuern, und andererseits die herzliche Gastfreundschaft und vielseitige Schönheit dieses so fremden Ortes und seines Umlandes zu erleben. Dies alles sind Eindrücke, der Rücksicht auf den Leser halber etwas gekürzt, welche mir von einer Reise blieben, die mehr als 15 Jahre in der Vergangenheit liegt.

Das ist der Grund für meine Reisen – die prägende Intensität der Wahrnehmung von Mensch und Ort, die damit einhergehende Eindrücklichkeit der Erinnerungen an viele kleine Begebenheiten und Begegnungen.

Das ist der Grund für meine Reisen – die prägende Intensität der Wahrnehmung von Mensch und Ort, die damit einhergehende Eindrücklichkeit der Erinnerungen an viele kleine Begebenheiten und Begegnungen. Erlebnisse, die unter anderen Umständen – an der Supermarktkasse oder auf dem Heimweg von der Arbeit – vielleicht nur kurzzeitig irritierende, vielleicht auch längerfristig prägende Auswirkungen hätten, aber nichts von der intensiven Qualität, die ihnen der fremde Kontext, die Freiheit des Reisemoments verleiht.

Dieser ersten sehr langen und intensiven Reise folgten in Abständen von ein oder zwei Jahren weitere Abenteuer. So ging meine zweite große Reise auf den Balkan, wo ich so kurz nach dem Balkankrieg abseits zerstörter Städte an einem sehr spirituellen Rainbowgathering teilnehmen konnte. Das sind Treffen eher technikskeptischer “Hippiefamilien” (wertungsfrei), welche sich einmal im Jahr in Europa treffen, um an einem abgelegenem Ort eine kleine Zeltstadt mit der nötigsten Infrastruktur aufzubauen und von Vollmond zu Vollmond zusammen zu feiern und spirituelle Interessen zu teilen. Neben Rekiworkshops und Selbstliebekursen, gab es dort eine beeindruckende Diarroehwelle, aber auch seltsam gemischte Erfahrungen in den vom Krieg zerstörten Städten Kroatiens und Bosniens und den zu frischem touristischen Leben erwachten wunderschönen Orten entlang der Adria.

Danach kamen noch viele Reisen in exotische, weit entfernte Länder sowie Entdeckungsreisen zu Fuß und auf dem Fahrrad in die wunderschöne Natur unserer europäischen Heimat. Das Reisen macht mir heute noch genauso viel Spaß wie damals vor fast 20 Jahren, auch wenn ich den Herausforderungen heute etwas gelassener und abgeklärter entgegengehe. Natürlich ist jedes erste Mal etwas besonderes, weshalb ich heute auch nicht mehr aufgeregt im Flughafen sitze und die Menschen um mich herum beobachte – alles in mich aufsauge, um diesen unvergesslichen Moment zu genießen. Aber wie damals gibt es immer noch diese besondere Intensität der Wahrnehmung während ich in das Unbekannte vorstoße. Und es gibt natürlich diese ganz besonderen unvergesslichen Momente, die einem nur unterwegs begegnen können: in einer etwas zu zerbrechlich scheinenden Bootsschale über einen See im Herzen Indiens treiben, sich im Kleinwagen inmitten einer Elefantenherde wiederfinden und sich der Gefahr der Lage schlagartig bewusst zu werden, oder mit einem schönen Fremden einen Moment des herzerleuchtenden Lächelns zu teilen.

All diese Reisen sind so unterschiedlich gewesen, wie die Orte an die sie gingen und diese Vielfalt findet sich auch in den Anforderungen an eine essentielle Reiseausstattung wieder. Ich glaube die einzige Konstante ist für mich, sich so minimalistisch wie möglich auszustatten, um mit wenig Ballast unterwegs zu sein, sich maximal frei zu fühlen. Wie minimal hängt sicher von der Länge und Wildheit der Reise ab. Eine zweiwöchige Reise mit einem Mietwagen durch Städte und Natur, mit kleinen Tageswanderungen, kann sicher auch mit etwas mehr Gepäck angetreten werden. Für eine 3-tägige oder mehrwöchige Wanderung durch die Natur hingegen sollte jedes Gramm wohlüberlegt sein, wie ich mit schmerzend-steifem Knie im französischen Zentralmassiv feststellen durfte. Ich widme mich vor einer Reise meist 3 oder 4 Wochen gelegentlich den potentiellen Zielen, Reisemodalitäten und Witterungsverhältnissen vor Ort, um einen ungefähren Überblick der Notwendigkeiten für Kleidung und Ausstattung zu bekommen. Viele Reiseblogs helfen dann bei der Auswahl des richtigen Equipments, wobei es sich dabei wie mit dem Kochen verhält: anfangs bleibt man bei den genauen Anweisungen erfahrener Vorreiser, um dann später seinen eigenen Stil zu improvisieren. Mit dieser kulinarischen Metapher möchte ich den Kreis schließen. Ich hoffe meine kurze Beschreibung hat meine Motivation nicht zu verklärt dargestellt und macht Appetit auf Reisen. Viel Spaß – möge Hermes mit Euch sein!

Liebe Grüße,
Dein Bruderherz

Hey großer Bruder, danke für den schönen Brief! Du bist immer noch mein allergrößter Weltenbummler! Deine Sarah.

Und du? Was ist dein Grund zu Reisen? Was bedeutet es für dich? Erzähl’ es uns!

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